Der Vater des Lichts

Die vierte Ebene schließlich, die anagogische Bedeutung betrifft den mystischen Sinn der Darstellung, die Lichtnatur Gottes. Die Ars magna lucis endet mit einem Epilog unter dem Titel „Metaphysica lucis & umbrae“ (AML 795-810). Hier finden alle vorangegangenen Überlegungen ihren Kulminationspunkt in der „Theologisierung der vom Licht durchdrungenen Welt“,[1] die als Auslegung einer zentralen Stelle im Brief des Jakobus (NT) zu sehen ist: „Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts“ (Jak. 1,17). Gott und Licht fallen in eins. Kircher stellt sich damit in die direkte Nachfolge von Nikolaus von Kues, der dieser Bibelstelle eine ganze Abhandlung De dato patris luminum (Die Gabe vom Vater des Lichts, 1445) gewidmet hat. Auch das hermetische Gedankengut Ficinos, der in De sole et lumine (1493) eine eigene Solarmagie entwirft, ist präsent.[2] 

Kircher rekurriert auf diese Ideen und setzt nun auch seinerseits die Sonne mit Gott gleich. Sonne ist hier als Reflektor zu verstehen, der das himmlische Feuer in abgeschwächter Form als Sonnenstrahlen auf die Erde lenkt, in denen die göttliche Trinität gleichwohl enthalten ist. Er formuliert eine grundlegend ternarische Struktur des Seins, das Licht als „Lux-Tri-una“ und Gott als „Lux infinita“: 

 

„….lux infinita, & aeterna sit Pater; lumen de lumine sit Filius, sive radius quidam divinae substantiae, & splendor paternae gloriae; ex quibus calor procedit spiritus ille sanctus, totum Archetypum, mundumque adeo universum…” (AML 796)

Das unendliche und ewige Licht ist Gott Vater, das Licht des Lichtes ist der Sohn Gottes, oder vielmehr die Strahlenkrone gewisser göttlicher Wesen; aus dieser Hitze gehen hervor der Heilige Geist, das ganze Urbild, und vor allem die Welt und das Universum …  (Übersetzung R. B.)

 

Es folgen immer schwächer werdende Lichtkonkretionen, die den ordo rerum, die Seinshierarchie durchdringen. So konstruiert sich die ganze Welt als einzige Theophanie.[3]

 

 

 

Abb. 8: Titelkupfer, Athanasius Kircher, Ars magna lucis et umbrae, 2. Auflage, Amsterdam 1671

 

Aufschlußreich ist ein kurzer abschließender Blick auf das prachtvolle Titelkupfer (Abb. 8). Hier wird überdeutlich, wie sehr alles Wissen um optische Gesetze vom göttlichen Licht selbst durchdrungen ist. Lichtquelle, Lichtstrahl, Lichtbeugung, Lichtbrechung, in allem ist Gott gegenwärtig und wirksam. Der Stich wird von zwei im Wolkenhimmel angesiedelten Figuren bestimmt: Apollo (Sonne) links, Diana (Mond) rechts. Darüber thront der göttliche Strahlenkranz, gespeist aus dem kosmischen Feuer, das nicht abgebildet ist. Er ist von einem undurchdringbaren Wolkenband abgeschirmt, da seinem Glanz kein Mensch standhalten kann.[4] Lediglich in der linken oberen Ecke, die mit Auctoritas Sacra bezeichnet ist, dringen einige göttliche Strahlen durch und werfen ihr Licht auf die Bibel, die von einer Wolkenhand gehalten wird. In der rechten oberen Ecke ist die Ratio angesiedelt, dem Göttlichen noch sehr nah. Sie wird durch eine schreibende Hand verkörpert, die ihr Licht vom inneren Auge bezieht, dem Auge Gottes sehr ähnlich.[5] 

Von Apollo, der als Sonne selbst eine Spiegelung des göttlichen Lichtes ist, gehen drei gerichtete Strahlen aus. Einer wird durch die ‚Mondscheibe’[6] der Diana reflektiert und in den weltlichen Bereich in der linken unteren Ecke umgeleitet. Dort wird er in einem Wasserbecken aufgefangen, das in einer barocken Gartenarchitektur steht. Darüber lesen wir Auctoritas Profana, dargestellt wiederum durch ein Buch, auf das das schwache Licht einer Blendlaterne fällt. Ein zweiter Lichtstrahl wird gebündelt und verstärkt durch ein Teleskop und ist mit Sensus bezeichnet. Er macht deutlich, daß die göttlichen Geheimnisse der Natur nur mit Hilfe der fünf Sinne und der Wissenschaften zu enträtseln sind. Ein dritter Lichtstrahl dringt voller Kraft in eine dunkle Felsenhöhle rechts unten, wird dort durch einen Spiegel reflektiert und verliert sich dann im Dunkeln. Auf diese Weise sind unterschiedliche Erkenntnisgrade bezeichnet.

 

Betrachten wir vor dem Hintergrund der Identität von Gott und Lichtquelle erneut den Kircher-Stich Abb. 1. Kircher bezeichnet seine ganze Erfindung mit „De lucerna magicae seu Thaumaturgae constructione“ (AML 768). Lucerna die Bezeichnung für eine Öllampe (eigentlich lumen lucerna), ist über den Wortstamm lux verwandt mit lucifer (Licht bringend, ans Licht bringend). Daß diese Verbindung gerechtfertigt ist, macht die zweite Bezeichnung Thaumaturga deutlich. Thaumas, „der an Wundern Reiche“, bezeichnet auch das „Wunderbare der Erscheinung“ und ist Vater von Iris (Götterbotin und Göttin des Regenbogens).[7]

Damit wird die Lichtquelle selbst, die Lampe zum Mittelpunkt. Die Flamme (ignis) der Öllampe steht für die Flamme des Heiligen Geistes (spiritus sanctus). Das Gefäß selbst steht für Christus. Es hat die Form eines Hahnes. Der Hahn, der durch sein Krähen den Anbruch des Tages ankündigt ist ein Christussymbol. Er soll das kommende Gottesreich ankündigen. In seinem Schnabel trägt er einen Spiegel (konkav), ebenfalls ein göttliches Symbol. Wie aufgeladen der Spiegel vor allem bei den Jesuiten war, zeigt das Werk des Jesuiten Bernhard Cesi Mineralogia (1636), in dem der Spiegelsymbolik ein ganzes Kapitel gewidmet ist.[8] Der Kircher-Schüler Kaspar Schott bezeichnet – sinnfälliger Weise in seiner Magia optica am Ende seiner Ausführungen über die Spiegelschreibkunst – Jesus als einen „unbefleckte[n] Spiegel der Herrlichkeit oder Majestät Gottes“.[9] In der lateinischen Ausgabe ist noch die Marginalie „Speculum est Christum“[10] hinzugefügt. In meine Lesart fügt sich auch nahtlos die Deutung der etwas üppigen Rauchsäule. Deren Ausmaße nötigten den englischen Physiker Johann Priestley in einem Werk über Optik um 1775 zu folgendem Kommentar:

           

„Doch sieht man auch daraus, daß Kircher bei all seinem Witze, den er in reichlichem Maße besaß, doch nicht die Kunst verstand seine Lampen ohne Rauch brennen zu machen, wiewohl es aber auch möglich ist, daß der Zeichner, um seine Geschicklichkeit zu zeigen, den Rauch vergrößert habe.“[11] 

 

Als Erklärungsversuch für diese Ungereimtheit wird wieder einmal die Unfähigkeit Kirchers sowie diesmal eine Unverhältnismäßigkeit des Zeichners bemüht. Man könnte die Rauchsäule aber auch in  alttestamentarischer Tradition als Wolkensäule deuten:

 

„Und der Herr zog vor ihnen her, des Tages in einer Wolkensäule, daß er sie den rechten Weg führte, und des Nachts in einer Feuersäule, daß er ihnen leuchtete, zu reisen Tag und Nacht.“ (2Mose 13, 21)

 

Dies ist nur eine von mehreren Erwähnungen, bei der Gott in einer Wolke, einem Gewölk oder einer Wolkensäule anwesend ist. Damit wäre auch Gott Vater bezeichnet und die Trinität in der Darstellung gegenwärtig. Das im Spiegel reflektierte Licht bewirkt die Projektion in einen dunklen Raum, in dem wir nur noch schwache Abbilder der vollkommenen göttlichen Urbilder auf der Wand wahrnehmen, sogenannte ‚Schatten der Ideen’. Auf diese Weise manifestiert sich überirdisches Sein im irdischen Raum. 



[1] Leinkauf 1993, S. 340.

[2] Zu Ficinos Lichtmetaphorik siehe grundlegend Scheuermann-Peilicke 2000.

[3] Vgl. Leinkauf 1993, S. 341. Ich möchte in diesem Zusammenhang auch auf die „Lichtphilosophie“ des Franziskaners Robert Grosseteste (1168-1253) verweisen, die hauptsächlich auf Metaphern aus dem Bereich der Optik beruht vgl. Lindberg 1987, S. 174-189.

[4] Niemand hat Gott je gesehen vgl. Joh. 1,18 und 1. Brief Joh. 4,12. und auch Moses sah Gott nur in einer Wolkensäule. Er selbst strahlte beim Abstieg vom Berge Sinai derart, daß die anderen es nicht ertrugen. Vgl. Korintherbriefe II,3,18. 

[5] Die Nähe von göttlichem Auge und innerem Auge beschreibt schon Meister Eckhart: „Daz ouge, dâ inne ich got sihe, daz ist daz selbe ouge, dâ mich got sihet: mîn ouge und gotes ouge daz ist ein ouge“ zitiert nach Haas 1971, S. 298.

[6] Der Mond wurde noch bis in die Anfänge des 17. Jahrhunderts als glänzend, polierte konvexe Scheibe gedacht. Vgl. Baltrušaitis 1986, S. 49-52.

[7] Vgl. die Einträge zu Thaumas und Iris in Paulys Real-Encyclopädie: Iris, Stuttgart 1916, Bd. 9, Spalte 2037-2045; Thaumas, Stuttgart 1934, 2. Reihe, Bd. 5,2, Spalte 1337-1338.

[8] Cesi 1636, S. 466-471. Der Spiegel ist ein symbolum „verbi aeterni“, „visionis prophetica“,“vita CHRISTI“, „CHRISTI Domini“ um nur einige zu nennen. Ebd. S. 466/477. Grundlegend zur Spiegelthematik siehe die Monographie Baltrušaitis  1986.

[9] Schott 1671, S. 421. Die ganze Stelle lautet: „Der allerschönste/geschliffenste /und den alle offters ja immerzu anzuschauen gezimet/ist JESUS CHRISTUS/der im Buch der Weisheit am 7. Kap. genennet wird/ der Glanz des ewigen Lichts/und ein unbefleckter Spiegel der Herrlichkeit oder Majestät Gottes und das Ebenbild seiner Gütigkeit.“ Die Stelle im Buch der Weisheit ist VII, 26.

[10] Schott 1657, S. 449.

[11] Joh. Priestley, Geschichte und gegenwärtiger Zustand der Optik. Aus dem Englischen von Georg Simon Klügel, Leipzig 1776, 1. Teil, S. 100. Zitiert nach  

Liesegang 1921, Anm. 11.