Die technisch nüchterne Apparatur

Auf der litteralen, hier die wahrnehmbare Ebene, ist die Abbildung als eine Projektionsanordnung zu lesen. Diese als fehlerhaft zu bezeichnen ist allerdings schlichtweg falsch. Sie ist sehr wohl korrekt, wenngleich die Abbildungsqualität, wie Helligkeit und Schärfe fast 350 Jahre später unseren heutigen Sehgewohnheiten in keiner Weise mehr genügt. Erst wenn das Objektiv außerhalb des Kastens und vor dem Bildstreifen angebracht wird, muß dieser auf dem Kopf stehen, um eine aufrechte Abbildung an der Wand zu gewährleisten. Der Vorteil dieser Anordnung besteht in einem schärferen Bild. Jeder kann diese optischen Gesetze im Eigenversuch überprüfen. Benötigt werden nur eine Lichtquelle, eine einfache Linse und ein transparenter Bildträger. Wie stark diese Unterschiede zu Kirchers Zeiten allerdings waren, läßt sich nicht mehr genau bestimmen, da die Linsenqualität von heute eine andere ist. Und nur durch diese verbesserten optischen Eigenschaften der Linsen erscheint die Kirchersche Anordnung als fehlerhaft. Kircher arbeitete übrigens mit dem damals berühmten Linsenhersteller Johann Wiesel in Augsburg zusammen und wurde selbst auch als Experte bezüglich der Linsenherstellung angefragt.[1] Daß Kircher mit den optischen Gesetzen durchaus vertraut war, geht letztlich aus seinem Text hervor. In seiner Anleitung zum Nachbau einer derartigen Konstruktion thematisiert er sowohl den kopfstehenden Bildstreifen als auch die Stellung des Objektivs:

           

“hoc pacto intra cubiculum VTSX in muro candido lumen lucernæ vitrum lenticulare transiens imaginem in H vitro plano depictam (quæ inverso situ in vitro ponitur) rectam & in muro grandiorem exhibebit, omnibus coloribus ad vivum expressam. (AML  769)

Auf diese Weise wird innerhalb des Raumes VTSX auf der weißen Wand der Lichtschein der Lampe, der durch die Linse fällt, das auf dem flachen Glas gemalte Bild (das auf dem Glas umgekehrt dargestellt ist) richtig herum und ver­größert zeigen, wobei alle Farben lebensecht ausgedrückt sind. [Hervorhebungen R. B.]

 

“Nota hoc loco tubulum vel intra vergere posse vel extra, perinde est sed hæc judicio boni prædici relinquenda sunt. (AML S. 770)

Beachte: Daß an dieser Stelle die kleine Röhre entweder nach außen oder nach innen gerichtet sein kann, ist gleichviel, doch diese Dinge sich erläutern zu lassen, sei dem Urteil eines Sachverständigen überlassen. [Hervorhebungen R. B.]

 

Das heißt, er war sich beider Möglichkeiten durchaus bewußt. Liesegang untermauerte sein ‚fehlerhaft’ mit einem Verweis auf Johann Zahn, der laut Liesegang als erster bereits 1686 die Ungereimtheiten in seinem Werk Oculis artificialis thematisierte und betonte „ daß es bezüglich der Anordnung des Linsenrohres kein ‚oder’ gebe: das Rohr gehöre außen hin.“[2] Schlägt man die Quelle jedoch nach, wird deutlich, wie stark der Kinotechniker und Mitgeschäftsführer der bis in unsere Tage hinein bedeutenden Firma Ed. Liesegang zur Herstellung professioneller Photo- und Projektionstechnik, wertend rückprojiziert. Denn Zahn greift lediglich die Rolle des boni praedici, des Sachverständigen auf und gibt den wohlgemeinten Rat:

 

“Ego sane aliter tàm ratione, quam experientia edoctus vitrum planum cum imagine appictâ potiùs ac meliùs ante Lentem convexam collocandam suadeo.”[3]

Ich bin mir aus der Erfahrung völlig sicher und gebe den Rat, daß die Glasscheibe mit der Abbildung vielmehr zum Besseren vor die convexe Linse gezeichnet werden muß. (Übersetzung R.B.)

 

Es sei abschließend noch auf zwei komplexe Stiche in Ars magna lucis (S. 709 zur Camera obscura und S. 792 zur Projektion mittels des Sonnenlichtes) hingewiesen, in denen nicht nur die Umkehrung oben und unten, sondern auch die Seitenverkehrung berücksichtigt ist. Offen bleibt allerdings die Frage, weshalb sich Kircher für die ‚mangelhaftere’ Variante entschied.  

Folgt man den Ausführungen von Kathrin Müller, bestand im Mittelalter die spezifische Funktion eines Diagramms gerade nicht in der einfachen bildhaften Umsetzung des Textes, sondern vielmehr in seiner effektiven Wirkung als „visuelles Medium“,[4] das über den Text hinaus zur Visualisierung anregte. Das könnte die Wahl für die Variante ‚mangelhaft’ erklären, die einen aufrechten Bildstreifen impliziert. Kircher  wollte dem Betrachter sein Bildprogramm eindrücklich vor Augen stellen. Und ein kopfstehend Gekreuzigter wäre in der Tat schlecht dazu geeignet die Imagination in die richtigen Bahnen zu lenken. Zudem ist der Gekreuzigte das jesuitische imago agens schlechthin und schon aus religiösen Gründen kopfstehend undenkbar.

Die umstrittenen technischen Details, die bis heute die Debatte um Kircher bestimmen, verstellen, wie ich meine, den Blick auf viel bedeutendere Ungereimtheiten. Was ist das für ein sonderbarer fensterloser Raum, in den uns Kircher blicken läßt? Wieso diese fast mannsgroße, unbeholfene Holzkiste, mit einer eigentlich zu kleinen Öllampe, die überdimensionale Rauchwolken ausstößt? Unter diesen Größenverhältnissen würde der Bildstreifen ja auf kaum handhabbare Maße anwachsen. Kurzum: Weshalb zeigt uns Kircher nicht einen praktisch handlichen Apparat, wie ihn der Däne Thomas Walgenstein (1627 – 1681), den Kircher in seinen Ausführungen auch erwähnt, zur gleichen Zeit bereits in Rom vorführte?[5] Und Zahn illustriert in Oculus artificialis seine Ausführungen zur Projektion schon mit einer ganzen Produktpalette verschiedenster tragbarer Apparate (Abb. 2).

 

 

Abb. 2: Handliche Laterna magica Apparate veröffentlicht von Johannes Zahn, Oculus artificialis teledioptricus…, Würzburg 1685/86, Vol. 3, S. 253

 

Um eine Antwort zu finden müssen wir unseren Denkraum kurz verlassen und in das ideengeschichtliche Umfeld eindringen: Zentrales Thema im philosophischen Diskurs der Zeit war die ars memorativa. Damit komme ich zur zweiten allegorischen Interpretationsstufe.

 



[1] Vgl. die Forschungen zu Wiesel von Keil 2000, S. 138 und S. 143f.

[2] Liesegang 1921, S. 183.

[3] Zahn 1686, S. 235.

[4] Müller 2005, S, 427. Müller untersucht in ihrem Aufsatz die Übergänge von Text zum Bild am Beispiel des Diagramms.

[5] Kircher  1671, S. 768. Ein Confrater Kirchers, Claude François Milliet Dechales, fertigte eine Skizze von Walgensteins Laterne, diese wurde in seinem Werk Cursus sans Mundus Mathematicus  1674 veröffentlicht vgl. Rossell 2008, S. 27.