Eurydike und Orpheus

 

Eurydike und Orpheus

G. H.

Der schönste Mythos zu dem Thema Tod und was kommt danach ist der von Orpheus und Eurydike. Orpheus ist der älteste und berühmteste Sänger des Alten Griechenlandes. Sohn von Apollon und Kalliope (Göttin der schönen Künste). Er sang und spielte die Lyra unbeschreiblich schön. Seine Gattin war Eurydike, eine Nymphe, die von einer Schlange gebissen wurde und starb. Orpheus stieg in die Unterwelt, um durch seinen Gesang und das Spiel seiner Lyra den Gott Hades zu bewegen, ihm seine Geliebte zurückzugeben. Von seinen Klagen gerührt setzte ihn der Fährmann Charon über den Styx in die Totenwelt, Zerberus, den Wachhund am Eingang des Hades bezauberte Orpheus mit seiner Musik. Die Götter der Unterwelt Hades und seine Frau Persephone erlaubten ihm, die Verlorene aus der Unterwelt zurückzuholen und wieder in die Oberwelt zu bringen. Bedingung war, dass sich Orpheus bei ihrem Hinaufsteigen nicht nach Eurydike umschaut. Liebe und Besorgnis ließen ihn auf dem dunklen Gang aus der Unterwelt diese Bedingung überschreiten, er schaute sich nach ihr um. Eurydike musste zurück und war für immer verloren. Orpheus kam traurig in die Oberwelt, irrte lang seinem Schmerze überlassen herum und zog sich vom Leben in die Einsamkeit zurück. Da er außer seinem Gesang die Gabe der Weissagung hatte, gründete er einen asketischen Orden, der nur Männern zugänglich war, in dem die orphischen Geheimnisse gehütet wurden.

Orpheus Ende war tragisch. Der Sänger war melancholisch düster, er stand den Musen und somit dem Gott Apollon nahe, nicht aber Dionysos, dem Gott des Rausches und ausschweifend-wilder Umzüge und Gesänge. So wurde Orpheus in seiner Heimat von „Mänaden“, berauschten Anhängerinnen des Dionysos, zerrissen. Die Glieder zerstreuten sie, den immer noch singenden Kopf nagelten sie an die Lyra und warfen ihn in den Fluss Hebros. Er schwamm ins Ägäische Meer und landete an der Insel Lesbos, immer noch mit Klagegesang. Bis Apollon ihm das Singen verbietet. Nun wurde er still und gab nie mehr einen Ton von sich, er war endgültig tot. Seine Lyra (Leier) wurde als Sternbild an den Himmel versetzt.

Tote sind nicht zurückzubringen, das war auch den Mythographen klar, die ca. 500 Jahre vor Ch. die griechischen Erzählungen über Götter und Heroen sammelten. Darum wurde Orpheus eine unerfüllbare Aufgabe gestellt und er kam ohne Eurydike in die Welt zurück. Zu seinem Leiden über den Verlust kam die Schuld, die Prüfung nicht bestanden zu haben.

Die Erinnerung an Eurydike wird schattenhaft. Dagegen singt Orpheus an. Er kennt noch ihre Stimme, ihr Lachen, ihre persönliche Art und auch ihre Schwächen. Das möchte er im Bewusstsein halten, vergegenwärtigen. Hört er auf, sie zu besingen, bleibt nur ihr Name im gemeinsamen Gedächtnis. Sie wird entindividualisiert, reduziert, wie auf den Gräbern die Namen der Toten. Diese sagen nichts mehr über deren vergangene Persönlichkeit. Der Gesang bewahrt auch Orpheus selbst vor dem Vergessen, sein Singen ist Erinnerungsarbeit. Erst als er schweigt, werden beide, Eurydike und Orpheus, endgültig zu mythischen Wesen.

Die griechischen Mythen sind für uns modere Menschen psychologisch gedeutet worden. Ein sehr bekanntes Beispiel gab S. Freud, er bezog sich auf Ödipus. Ich versuche jetzt eine Deutung, die die Grausamkeit des Endes von Orpheus begreiflich macht. Sehen wir die rasenden Mänaden als veräußerlichte innere Fraktionen von Orpheus, als personifizierte Teile seiner verletzten Psyche an. Das bipolare Begriffspaar apollinisch-dionysisch beschreibt zwei gegensätzliche Charakterzüge des Menschen und bedient sich dazu der den griechischen Göttern Apollon und Dionysos zugeschriebenen Eigenschaften. Hierbei steht apollinisch für Form und Ordnung und dionysisch für Rauschhaftigkeit und einen alle Formen sprengenden Schöpfungsdrang. Orpheus entscheidet sich wegen seines Schmerzes um Eurydike, der ein Teil von ihm geworden ist, gegen das dionysische Prinzip, den Rausch, die Enthemmung. Nun zerreißen ihn die Mänaden, nein! der Schmerz über sein Unglück zerreißt ihn. Schonungslos - ohne semantischen Balsam - werden das Leiden Orpheus nach seiner Wiederkehr aus dem Hades und sein Ende in der Erzählung dargestellt.

Zwei Aspekte halten diesen Mythos über 3000 Jahre aktuell, Orpheus Scheitern und das Sternbild Leier.

Mit dem Zusammenschluss einer Sternformation zu dem Sternbild Leier wurde von den alten Mythographen ein unvergängliches Symbol geschaffen, es hält die Erinnerung an Orpheus wach und schafft zugleich eine geistige Verbindung von Mythos und Kosmos. Die Leier ist ein kleines Sternbild und am sommerlichen Abendhimmel leicht aufzufinden.

Orpheus steht für den ubiquitären Wunsch, geliebte Tote ins Leben zurückzuholen. Dieser Wunsch bewegt auch den Zeitgenossen im naturwissenschaftlich-technologischen Zeitalter. Trotz Entmythologisierung und die Entmystifikation des Todes bleibt die Herausforderung, sich täglich der Vergänglichkeit zu stellen.