Der Projektionist

Ruth Baumer

Der Projektionist


 

Deutschland um 1900. Beim Schimmer der blauen Signalgläser in den Laternentüren spricht und hantiert der reisende Projektionist. Die Konzentration geteilt auf Vortrag und Bildwechsel, muss er die Leute fesseln. Gewonnen wird die Show vor dem Publikum in den allerersten Minuten. Es ist ein feiner Einfall, zum Prolog auf der Leinwand selbst zu erscheinen, allen sichtbar, mit dem einkopierten Wunsch „Guten Abend“. Das verbindet.

Stand Christus am Anfang, so steht am Ende ein unbekannter Projektionist. Die innere Schau ist einer äußeren Show gewichen. Die Laterne, die ursprünglich innere Bilder erzeugen sollte, hat sich zu einem äußeren Bild, dem Glasdia, das der Projektionist in der Hand hält, gewandelt. Die Apparatur, die dieses Bild groß auf die Leinwand werfen wird, steht gewichtig, fast gleichwertig mit dem Laternisten. Die Lichtquelle ist jetzt ein Brenner, der von einer Gasflasche gespeist wird. Die Mandorla wird zum einkopierten ‚Guten Abend’ und sie leuchtet über der Laterne.

Musste Christus noch mühsam an die Türen klopfen, kann der Projektionist sich seines Publikums sicher sein. Freiwillig sind sie gekommen und einen guten Obulus haben sie dafür bezahlt. Er ist nicht das Licht der Welt, nein er bringt das Licht der Welt, das Licht der Aufklärung in die entlegensten Orte. Er kann sich der Aufmerksamkeit seines Publikums gewiss sein. Sie sind begierig auf seine Bilder und seine Worte.

Der schwere architektonische Rahmen ist einem schmückenden Vorhang gewichen, das wuchernde Gestrüpp einem dekorativen Rankenwerk im Hintergrund.[1] Die „weiten Hallen des Gedächtnisses“[2] haben sich zu einer übersichtlichen Ordnung im hölzernen Bilderkasten gewandelt. Die Leinwand ist nicht von einem Bild besetzt, viele Bilder werden in Folge gezeigt werden, die Reihenfolge vom Projektionisten wohl überlegt. Die Laterne, Symbol für das lumen Christi hat sich zur Laterna magica, dem lux artifex gewandelt.

So gesehen beschreibt die Geschichte der Projektion den Weg vom individuellen, erkenntnishaften „Zum-Sehen-Kommen“[3] zum kollektiven, unterhaltenden Zur-Schau-Kommen, vom inneren Sehen zur äußeren Schau. Diese Nahtstelle kann man am Gemälde von Hunt topologisch fixieren. Sie befindet sich im Titel „Das Licht der Welt“. Damit kann sowohl Christus als auch die Laterne gemeint sein. Und das Licht der Laterne kann im übertragenen Sinn auch als Strahl eines Projektionsapparates gelesen werden.

Es ist als hätte Hunt in seinem Gemälde die Verbindung von Religion und Projektion treffsicher umgesetzt. In der langsamen Überblendung der beiden Glasdias, Hunts Gemälde und der unbekannte Projektionist offenbart sich dieser Zusammenhang augenscheinlich. Das Imaginäre hat endgültig eine mediale Gestalt angenommen. Die vera icon ist einer Bilderflut gewichen und wird doch epiphan immer sichtbar bleiben.

 

 



[1] Die Abbildung weist in hohem Maße Ähnlichkeiten mit der präraffaelitischen Kunst auf, in der oft ein eigenartiges Posieren der Figuren, die als „Ideenträger“ inszeniert sind, zu beobachten ist. Auch das Rankenwerk ist ein typisches Merkmal. Vgl. dazu Hönnighausen 2000, S. 31/32.

[2] Augustinus 1955, Zehntes Buch 8,12.

[3] Hergenröder 1996, S. 283f.