HAND AND APPLE

 

HAND AND APPLE

Günther Holzhey

 

 

Ein Glasdia im Format 82 x 100 mm soll vorgestellt werden. Es trägt den handgeschriebenen Titel: ‘Moon series - Hand and Apple’. Die Fläche ist in zwei Motive aufgeteilt, links ist in harter Ausleuchtung vor dunklem Hintergrund ein faltiger Handrücken zu sehen, rechts ebenfalls vor dunklem Hintergrund ein verschrumpfter Apfel. Das Dia ist unsauber und hat Flecken und Kratzer, aber es besteht eine gute Trennung der hart beleuchteten Gegenstände vom dunklen Hintergrund. In dem Band ‘Neue Geschichte der Fotografie’ findet sich eine Reproduktion von ‘Hand und Apfel’. Die Bildlegende lautet: James Nasmyth, Handrücken; verschrumpelter Apfel, um 1874, University of Texas, Austin. Im Abbildungsnachweis findet sich: Gernsheim Collection, Harry Ranson Humanities Research Center, The University of Texas, Austin. Der Autor spricht in dem Kapitel, in welches die Reproduktion eingebaut ist, von ‘fotografischer Fragmentierung’: „Die Fragmentierung ergab sich als Folge von Faltenstudien, von Studien der Hände, der Gesichter und anderer Details, für die sich die Maler begeisterten. Es oblag der Fotografie, die Welt durch isolierte Fragmente einprägsam zu machen.“ [1] Unter dem Terminus ‘beabsichtiges Fragment’ werden in der Kunst Werke zusammengefaßt, die die Unendlichkeit eines Themas dadurch zeigen, daß es verengt und durch ein Bruchstück, was auf das Ganze verweist, dargelegt wird. Wird man damit dem Bild gerecht oder haben die kuriosen Motive Hand und Apfel den fotohistorisch blickenden Autor Frizot genarrt? Der handgeschriebene Papierstreifen auf dem Glasdia gibt eine zusätzliche Information, dort steht: ‘Moon Series’. Das Bild gehörte zu einer Serie mit dem Thema Mond: Die Gegenstände, die Beleuchtung und die Härte der Aufnahme spielen mit der Ähnlichkeit zur Mondoberfläche.

 

Der Fotograf James Hall Nasmyth [2]

war ein erfolgreicher Industrieller, Ingenieur und Erfinder. Er wurde am 19. August 1808 in Edinburgh geboren und starb am 7. Mai 1890 in Kent. Nasmyth‘ Konstruktionen folgten den neuen Paradigmen der dampfgetriebenen Maschinen. Er konstruierte einen Dampfhammer, mit dem es möglich war, Antriebswellen für Schiffsdampfmaschinen von bis dahin unbekannter Größe herzustellen. Auf die Regulationsmöglichkeit der Kraft dieses Dampfhammers wurde im Katalogtext zur Weltausstellung 1851 in London [3] begeistert verwiesen: Er besitze nicht nur kolossale Stoßkraft, er sei auch imstande, eine Eierschale bloß anzubrechen. Das war vielleicht etwas übertrieben. Aber diese Aussage trifft genau, worin die Überlegenheit der neuen dynamischen Maschinen über die bis dahin existierenden mechanischen bestand. Mit dem Dampfhammer wurde Nasmyth als Erfinder berühmt. 1827 baute er einen Dampfwagen, der acht Passagiere durch die Straßen Edinburghs beförderte. Er verbesserte den Wirkungsgrad der Dampfmaschinen, erfand eine Hobelmaschine, die Dampframme, eine dampfbetriebene Drehmaschine usw. Wenige Jahrzehnte nach Nasmyth‘ Tod sind seine technischen Ideen zu Selbstverständlichkeiten in der Industrie geworden. In keinem Kinderzimmer fehlte um 1900 eine Spielzeugdampfmaschine. Der Dampf wurde zum ‘Leitfossil’ des 19. Jahrhunderts. Nasmyth hatte vielerlei Interessen. 1827 eignete er sich das technisches Wissen an, um ein kleines, aber sehr wirkungsvolles Spiegelteleskop mit sechs Zoll Durchmesser zu bauen. Nach 1842 begann er mit der systematischen Erforschung der Mondoberfläche. Diese Tätigkeit übte er viele Jahre mit Begeisterung aus. Dafür baute er sich ein neues leistungsfähigeres Spiegelteleskop mit 20 Zoll Durchmesser (508 mm) und verbesserte die herkömmliche Konstruktion so, daß diese als Nasmyth-Teleskop noch heute bei großen Geräten angewendet wird. 1856 zog er sich 48jährig aus dem Geschäftsleben zurück und meinte: „I had got enough of the world's goods, and was willing to make way for younger men“. [4] In Kent pflegte er seine Liebhabereien einschließlich der Astronomie bis zu seinem Tode 1890. Nasmyth faszinierte der Anblick der Mondoberfläche und er war bestrebt, seine Beobachtungen auch in Bildern festzuhalten. Die Landschaftsmalerei hatte in seiner Familie eine besondere Bedeutung. James Vater Alexander Nasmyth (1758-1840) gilt als Begründer der Schule der schottischen Landschaftsmalei, James Bruder Patrick (1787-1831) war ebenfalls ein bedeutender Maler, dessen Bilder gelegentlich mit denen seines Vaters verwechselt werden. Auch von James Nasmyth gibt es viele Zeichnungen und Gemälde. Er hat z. B. eine dunkle Werkhalle gemalt, in der eine riesige rotglühende Welle unter dem Dampfhammer geschmiedet wird. Die Gebirge und Krater des Mondes betrachtet er mit den Augen des Künstlers. „While earnestly studying the details of the moon's surface, it was a source of great additional interest to me to endeavour to realise in the mind's eye the possible landscape effect of its marvellous elevations and depressions. Here my artisic faculty came into operation. I endeavoured to illustrate the landscape. scenery of the Moon, in like manner as we illustrate the landscape scenery of the Earth.“ [5]

Durch die strahlende Kraft des Sonnenlichtes und das Fehlen der Luftperspektive erscheint ihm die Mondlandschaft in schrecklicher Schönheit. Um diesen Eindruck ins Bild zu bringen, benutzte er die ihm vertrauten Mittel eines Graphikers und fertigte von bestimmten Partien der Mondoberfläche mit schwarzer und weißer Kreide große Zeichnungen auf getöntem Karton an. 1850 stellt er diese der British Association at Edinburgh vor.

 

Erste Versuche

den Mond zu fotografieren sind schon mit den Mitteln der Daguerreotytpie (J. W. Draper 1840) gemacht worden. 1851 erhielt John A. Whipple für seine Mondaufnahmen bei der Weltausstellung in London einen Preis. [6] Für Nasmyth bestand kein Anlass, das durch das Teleskop Gesehene fotografisch aufzuzeichnen. In seiner Familie war Landschaft ein Thema für Kunstmaler. Er besaß lange Obsevationserfahrung und hatte keinen Grund, die Genauigkeit und Autentiziät seiner Zeichnungen in Frage zu stellen. Zudem waren die Möglichkeiten noch unvollkommen, ein sich bewegendes Objekt wie den Mond, scharf abzubilden. Um 1860 erlernt Nasmyth das Fotografieren und bemerkt, daß es das Auge sehr wohl zu künstlerischem Empfinden erziehen kann. Sein technischer Sinn ist durch den interessanten Prozess und die berechenbaren Resultate angesprochen. Nasmyth schreibt in seiner Autobiographie: „I had an earnest desire to acquire the art and mystery of practical photography. I bought the necessary apparatus, together with the chemicals; and before long I became an expert in the use of the positive and negative collodion process, including the printing from negatives, in all the details of that wonderful and delightful art. To any one who has some artistic taste, photography, both in its interesting processes and glorious results, becomes a most attractive and almost engrossing pursuit. It is a delightful means of educating the eye for artistic feeling, as well as of educating the hands in delicate manipulation. I know of nothing equal to photography as a means of advancing one's knowledge in these respects“. [7]

Nach den oben erwähnten Kohlezeichnungen baute er plastische Modelle der Krater und Gebirge des Mondes, die er im schrägen Sonnenlicht fotografierte. Das Ziel war eine Buchveröffentlichung, mit der er ein größeres Publikum erreichen konnte. Im November 1874 erscheint bei John Murray in London dieses Buch mit dem Titel: „The Moon: Considered as a Planet, a World, and a Satellite“. [8] Er verfaßte es mit James Carpenter und erläutert ausführlich seine Gedanken über die Entstehung und das Aussehen des Mondes. Die Fotografien wurden als Heliotypien gedruckt und zum Buchdrucktext eingeklebt. Das ermöglichte die höchste Wiedergabetreue für die Fotos. Die Bilder haben keine autotypische Rasterung und sind von außergewöhnlicher Brillanz. Seine Aufnahmen übertrafen alles, was bis dato an Bildern der Mondoberfläche mit direkter Fotografie erzielt worden war und erstaunten die Wissenschaftler. 1876 erschien eine deutsche Übersetzung des Buches unter dem Titel: „Der Mond betrachtet als Planet, Welt und Trabant“ [9] mit 19 Tafeln im Lichtdruck. Im Vorwort zu diesem Buch heißt es: „Um diese Illustrationen so genau wie nur möglich zu machen, kamen wir auf den Gedanken, dass wir die treuesten Darstellungen des Originals liefern könnten, wenn wir nach unseren Zeichnungen Modelle anfertigten, die, dem Sonnenlichte ausgesetzt, dieselben Effecte von Licht und Schatten zeigen, wie wir sie auf dem Monde selbst sehen, und dann diese so gearbeiteten Modelle photographieren liessen.“ Bis in die 1910er Jahre hinein wurden Nasmythsche Fotos in populäwissenschaftlichen Büchern [10] nachgedruckt.

Tafel II der englischen Ausgabe zeigt BACK OF HAND & SHRIVELLED APPLE. Nasmyth hat diese Aufnahmen gemacht. Dazu einige Sätze aus der deutschen Ausgabe: „Ein längere Zeit hindurch aufbewahrter und eingeschrumpfter Apfel giebt eine passende Illustration zu dieser Theorie des Einschrumpfens [...] Derselbe Vorgang, der die menschliche Haut in Falten und Runzeln einschrumpfen lässt, hat auch gewisse Teile der feurigen Kruste der Erde einschrumpfen lassen. Eine Karte des gebirgigen Theils unseres Planeten liefert hinreichenden Beweis dafür, dass eine solche Ursache gewirkt hat. Derartige Karten sind Bilder von Runzeln. Verschiedene Stellen der Oberfläche des Mondes zeigen uns [...] dieselben Erscheinungen in modificiertem Grade“. [11]

 

Im 18. und 19. Jahrhundert

wird die astonomische Wissenschaft der Bevölkerung nicht nur durch Bücher vermittelt sondern in Vorträgen mit unterschiedlichen Inszenierungen. Reisende mit Orerrys, Tellurien und der Laterna magica besuchen Städte und Dörfer. [12] Am Ende des 19. Jahrhunderts entstehen die wissenschaftlichen Theater, die bestimmt sind, „ein verkleinertes Bild der Natur wirkungsvoll und allgemeinverständlich zu entwickeln“ [13], so z. B. das Wiener Astronomische Theater 1884 - 1885 [14] und 1888 das wissenschaftliche Theater der Urania zu Berlin. Eine wichtige Rolle spielt in der Voksbildung die Laterna Magica. Nach 1800 wird die Produktion von handgemalten und animierten Projektionsbildern in England manufakturell betrieben. [15] Mit kleinen durchleuchtbaren Planetarien lassen sich die Bewegungen der Planeten, Eclipsen, Venusdurchgänge und der Weg der Sonne durch den Zodiak zeigen. In feinster Miniaturmalerei gibt es die Topologie des Vollmondes. Nach 1850 setzen sich langsam die fotografisch hergestellten Slides [16] durch und erlaubten die Herstellung entsprechender Bilder in großen Stückzahlen. Professionelle Diahersteller gehen auf den Markt und bieten, wie die Fa. Liesegeang, eine Kollektion von insgesamt 192 astronomischen Glasfotografien an. In der Ankündigung heißt es: „Der Mond der Erde ist in 41 Bildern dargestellt, die eine höchst interessante Darstellung unseres Satelliten geben; die ideale Mondlandschaft mit der Erde am Himmel kann nicht verfehlen, als Erdscheinlandschaft Aufsehen- zu erregen; sehr deutlich ist der Vergleich der Entstehung der Mondkrater mit der des Vesuv's.“ [17] Außerdem hatten nun auch interessierten Laien die Möglichkeit fotografische Dias herzustellen. Das Publikum im dunklen Raum konnte auf der Leinwand in die Tiefen des Universums blicken. Anhand der abgebildeten Krater und Schlünde wurden die Entstehung und Geschichte des Erdplaneten dargestellt. Man versetzte sich auf den Mond und blickte zu Erde zurück, um ihre Drehung und Helligkeitsphasen zu verfolgen, mit der Länge von Mondtag und -nacht machte man sich staunend bekannt. Die Nasmythschen Tafeln waren ideal für Vortragsreisende, um sie abzufotografieren und als Projektionsserien zu benutzen.

 

Das Projektionsbild von ‘Hand und Apfel’

ist das einzige der Mondserie nach Nasmyth, was erhalten ist. Das Bild ist vor kurzem in den USA gekauft und hat das american slides Format 4in x 3¼in. Es besitzt keinen Herstellervermerk und kein Copyright. Wahrscheinlich hat sich ein Amerikaner aus dem Nasmythschen ‘The Moon’ um 1900 privat eine Bildreihe hergestellt. Die Analogie zwischen Hand, Apfel und Mond ist im wissenschaftlichen Sinne zweifelhaft, sozusagen verwegen. Denn die terrestrischen Bedingungen sind von den kosmischen zu verschieden. Aber in dem populärwissenschaftlichen Kontext haben die Bilder einen poetischen Charme. Jeder Leser oder Zuhörer, dem ein Blick zum Mond nur mit bloßem Auge möglich war, hatte das Gefühl, auch er könne den Phänomenen ganz nahe sein. Von diesem Reiz leben die Medien bis heute, sie geben das Gefühl, dabei gewesen zu sein.

Nasmyth‘ Autobiographie zu lesen macht Freude, man lernt einen Menschen kennen, der in seiner Zeit völlig zu Hause ist und ohne viel zu reflektieren das beste daraus macht. Das 19. Jahrhundert förderte Menschen, die sicher waren, daß mit Ideen und Geld alles machbar war, die aber auch eine gesellschaftliche Verpflichtung fühlten. Der industrielle Aufschwung und die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Erfindungen ließen den Fortschrittsglauben entstehen, der fester Bestandteil Nasmythschen Denkens war. Viele Deutungen, die Nasmyth angibt, sind durch die Astronomie und die Mondmissionen in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts überholt. Seine Erfindungen sind mit der Verdrängung der Dampfkraft durch Verbrennungsmotoren und elektrische Energie Technikgeschichte geworden.

„Da jede Fotografie nur ein Fragment ist, hängt ihr moralisches und emotionales Gewicht von der Umgebung ab, in die sie gestellt ist. Eine Fotografie verändert sich mit dem Zusammenhang, in dem sie gesehen wird.“ [18] Beim Nachvollzug des Weges den ein sonderbares Doppel-Foto nimmt; es ist in einem Buch von seinem Autor als didaktische Anregung gedacht, ein zeitgenössischer Vortragsreisender benutzt es für seine Diasammlung und das später zur fotohistorischen Ikone unter dem Verlust seines ursprünglichen Kontextes wird; bestätigt sich dieser Gedanke Susan Sontags.


Anmerkungen

[1] Frizot, Michael (Hrsg.): Neue Geschichte der Fotografie. Köln 1998. S. 375.

[2] Nasmyth, James: Engineer an Autobiography. Popular Edition. London 1897.

[3] www.cultd.net/texte/tool/#

[4] Nasmyth, a.a.O. S. 351.

[5] ebda S. 320.

[6] Herrmann, Joachim: Astronomie. Gütersloh 1960.S. 56.

[7] Nasmyth, a.a.O. S. 369.

[8] Nasmyth, James Hall and Carpenter, James: The Moon : Considered as a Planet, a World, and a Satellite. Second edition. London 1874.

[9] Nasmyth, James. Carpenter; James: Der Mond betrachtet als Planet, Welt und Trabant. Leipzig 1876.

[10] Heegaard, Paul: Im Reich der Sterne. Berlin, Leipzig, Wien 1911. S. 169.

[11] Nasmyth, a.a.O. S. 26/27.

[12] siehe dazu: Schwäbische Kronik 19.02.1845. Seite 194. Über Döblers Nebelbildervorstellung im Stuttgarter Hoftheater am 16. Februar 1845: „...seine Hand entrollt vor uns den Abriß des großen Weltgebädes, Planeten kreisen, hell beleuchtet und schnell bewegt, um Sonnen, Monde um Planeten...“ Nebelbilder sind Überblendbilder der Latern magica.

[13] Brockhaus’ Konversations=Lexikon. 16. Bd. S. 117. Berlin und Wien 1895.

[14] Illustrierte Zeitung, Leipzig, 3. Oktober 1885. S. 331. Abbildung „Mondlandschaft beim Ringberg Plato mit der Erdkugel. Nach der scenischen Darstellung auf dem wiener Astronomischen Theater von Dr. Meyer und Maler Burghart“

[15] Aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammt eine mechanisch fein gearbeitete Serie „Moveable Aastronomical Slides“ von Carpenter & Westley, Sammlung Baumer/Holzhey.

[16] Ruchatz, Jens: Fotografie und Projektion. In: Fotogeschichte. Beiträge zur Ästhetik der Fotografie. Wien 1999. Heft 74. Seite: 3 -12.

[17] Liesegang, Paul Ed.: Die Projektions=Kunst für Schulen, Familien und öffentliche Vorstellungen. Leipzig. o. J. S. 312.

[18] Sontag, Susan: Über Fotografie. München 1978. S. 100.