Holman Hunt, The Light of the World

Ruth Baumer

Das Licht der Welt – William Holman Hunt 

Bilder sind nicht bloß eine spezielle Art von Zeichen, sie sind vielmehr so etwas wie ein Schauspieler auf der Bühne der Geschichte oder ein Charakter von legen-därem Status in einem historischen Zusammenhang, der den Geschichten entspricht und an ihnen beteiligt ist, die wir uns über den Gang unserer Entwicklung erzählen.[1]  

„Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolget, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh. 8,12)

Melbourne, Februar 1906. Vor der National Gallery of Victoria bildet sich seit Tagen eine Menschenschlange. Die Besucher nehmen stundenlange Wartezeiten in Kauf, um ein ganz besonderes Bild zu sehen, ein Gemälde des englischen Malers William Holman Hunt (1827-1910). Sein Besitzer und Auftraggeber, der wohlhabende englische Reedereibesitzer Charles Booth, hat dieses Bild auf Tournee geschickt. Die Stationen sind - neben Australien - Kanada, Neu Seeland und Südafrika, bevor es 1908 in der St. Paul’s Cathedral in London zur Ruhe kommt. Die meisten Besucher sind tief bewegt.[2]

http://harvest.canadaeast.com/image.php?id=418378&size=265x0

Das Bild, von dem hier die Rede ist, trägt den Titel The Light of the World und ist nicht nur das bekannteste Werk des Präraffaeliten Hunt, sondern auch die berühmteste Christusdarstellung in der englischsprachigen Welt.[3] Es ist die dritte Fassung, die erste entstand 1851. Das Bildmotiv hat sich nicht verändert, wohl aber das Format. Gab sich die erste Version noch bescheiden in 49,8 x 26,1 cm, präsentiert sich das Gemälde in Melbourne in den beeindruckenden Maßen von 233 x 128 cm.

In einem reich verzierten, vergoldeten Architekturrahmen tritt uns Christus durch eine bogenartige Toröffnung fast lebensgroß entgegen. Über dem weißen Gewand trägt er einen festlichen Chormantel mit Edelsteinen besetzt. Er steht vor einer mit Gestrüpp überwucherten Tür, die von innen verschlossen ist, und bittet klopfend um Einlaß. In der Basis des Rahmens findet sich, in Form einer Subscriptio, folgender Spruch aus der Offenbarung (3,20): „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. So jemand meine Stimme hören wird, und die Tür auftun, zu dem werde ich eingehen, und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“

Die Landschaft sowie alle Gegenstände sind detailgetreu wiedergegeben und zugleich stark symbolisch aufgeladen. Die seit langem ungeöffnete Tür steht für das aus Nachlässigkeit und Faulheit verschlossene menschliche Herz.[4] Diese Verbindung, von zum Teil überzeichnetem Realismus und Symbolismus, ist eine Grundtendenz präraffaelitischer Kunst und maßgeblich für die oft verstörend suggestive Kraft der Werke.

Hunt verlegt die Szene in die Nacht, das widerspricht dem Johannes-Evangelium. Hier lesen wir klar, daß Jesus nur wirken kann „solange es Tag ist“ (Johannes 9,4).[5] Aber dieser Kunstgriff gibt Hunt die Möglichkeit eines symbolischen Spiels mit dem Licht. Da ist zunächst das „Eigenlicht“ Christi, der schwache Heiligenschein, der nur noch wenig Licht ausstrahlt. Im Kontrast dazu steht das „Beleuchtungslicht“, das Licht der Laterne, die Christus in der linken Hand hält .[6] Diese wirft ihren Schein auf die verschlossene Tür und auf einige Äpfel zu Füßen Jesu, was den Zeitgenossen Ruskin zu der Formulierung „Licht des Gewissens“ anregte, mit Blick auf die eigenen Sünden und den Sündenfall.[7] Das Anklopfmotiv ist seit dem Spätmittelalter tradiert.[8] Ungewöhnlich ist dagegen die Darstellung Christi als Laternenträger. Dieser Umstand, den Erlöser, Verkörperer des Lichts sui generis, mit einer Laterne auszustatten, erschien zumindest dem Londoner Publikum anfänglich als „Absurdität“.[9] Aufschlußreich scheint mir das Lichtspiel, das die Laterne auf dem weißen Gewand Christi entfacht. Durch die ornamenthaften Ausschnitte im Laternengehäuse, die mit farbigen Gläsern hinterlegt sind, entsteht eine lebendige Welt der bunten Schatten. Damit bringt Hunt noch eine dritte Version des Lichts ins Spiel, das Durchleuchtungslicht.

Findet sich hier irdisches Dasein eingefangen auf dem reinen, geistigen Gewand Christi angeregt durch die damals populäre Kunst der Projektion mittels der Laterna magica?

 

Das Glasdiapositiv, mit den Maßen 8,2 x 8,2 cm, ist nach einer graphischen Vorlage der ersten Ausführung des Gemäldes gefertigt und handkoloriert.[11] Unter dem Deckglas findet sich sowohl das Label des Herstellers Newton & Co als auch das Label des Graphikverlags, Henry Graves & Co. Der Titel ist handschriftlich vermerkt sowie die Inventarnummer. Das Bild hat seit vielen Jahren einen festen Platz im Katalog der Firma, es ist ein Verkaufsschlager.[12] Unser Bild nun ist, aufgrund der neuen Firmenadresse King Street, eindeutig auf 1913 oder später zu datieren. Es wäre ein einfaches gewesen, sich auf der Höhe der Zeit zu zeigen und eine Neuauflage in Form einer authentischen Schwarzweißfotografie des Gemäldes in St. Pauls zu präsentieren. Aber nein, man bleibt beim Alten. Es geht eben nicht um die Präsentation eines Kunstwerks, es geht um mehr. Dieses ‚mehr’ verrät der Eigentümervermerk, das dritte Label (rechts oben), diesmal auf dem Glas, die Church Missionary Society London (CMS).[13] Für die religiöse Propaganda steht das Bildmotiv im Mittelpunkt. Jeglicher Rahmen wäre störend. Geht es doch um die Aufhebung der ästhetischen Grenze. Im dunklen Vorführraum soll die Begegnung mit Christus, dem Lichtbringer, so intensiv wie möglich sein.

 Ich habe diese beiden Bilder zum Einstieg gewählt, weil sie direkt ins Zentrum meiner Arbeit führen: Medien und Religion. In den unterschiedlichen Trägermedien Leinwand und Glas artikuliert sich, mediengeschichtlich betrachtet, der Wandel vom Lumen Christi zum lux artifex. In der Darstellung selbst ist durch die ‚rahmende’ Verbindung des Johannes-Evangeliums mit der Offenbarung des Johannes der Diskurs Auge und Ohr angesprochen. Der Evangelist ist ein „Mann des Auges“, sein Evangelium ein „Evangelium des Sehens“.[14] In der Offenbarung des Johannes steht das Wort im Mittelpunkt, „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinen sagt.“ (Offenbarung 3,6)

Wie sehr nun dieser meist theologisch geführte Streit um die Vorherrschaft von Wort und Bild die Entwicklung der optischen Medien - bis hin zur Laterna magica - beeinflußt und vorantreibt, wie sich langsam das innere Sehen (Schauen) in eine äußeres Sehen (Show) wandelt, das ist mein Thema.

 


[1] Mitchell 1990, S. 18/19.

[2] Siehe dazu die Ausführungen in: Kat. The Image of Christ, S. 32-34.

[3] Hunt ist Mitbegründer der Präraffaelitischen Bruderschaft 1848. Eine kurze Einführung in das Denken und Schaffen der Präraffaeliten bietet Hönnighausen 2000, S. 17-47, vertiefend siehe Lottes 1984.

[4] Siehe dazu: Kat. The Image of Christ, S. 32. Hunt ist übrigens bereits beim Malen der ersten Version zum Katholizismus konvertiert, ebda. S. 34.

[5] Siehe dazu die Ausführungen Hergenröder 1996, S. 308 ff.

[6] Die Begriffe Eigenlicht und Beleuchtungslicht gehen zurück auf Wolfgang Schöne. Das Eigenlicht bezeichnet er als Dominante des mittelalterlichen, das Beleuchtungslicht als Dominante des neuzeitlichen Bildlichts. Schöne 1954, S. 16.

[7] John Ruskin, engl. Schriftsteller, Maler und Kunsthistoriker formuliert in einem Brief an die Times 1854, die erste positive Kritik an diesem Werk. John Ruskin: Die präraffaelitischen Künstler. Das Licht der Welt, in: Hönnighausen 2000, S. 58-61, hier S. 60.

[8] Siehe dazu: Lottes 1984, S. 115.

[9] John Ruskin, in Hönnighausen 2000, S. 58.

[10] Zur Firmengeschichte siehe Barnes 1990a, S. 26.

[11] Die Möglichkeit im schwarz/weiß Verfahren direkt auf Glas zu fotografieren, geht auf die Gebrüder Langenheim in Philadelphia zurück. Sie stellten 1848 die ersten Glasdiapositive her. Durch die Londoner Weltausstellung 1851 wurden sie in Europa bekannt. Vgl. dazu Liesegang 1926, Zahlen und Quellen, S.60.

Relevant für die Massenproduktion ist das Verfahren ab den 1870er Jahren. Das eigentümliche Maß von 8,2 x 8,2 cm ergibt sich aus der englischen Maßeinheit    3 ¼ x 3 ¼ inch.

[12] Allein in der Sammlung Museum augenblick befinden sich 4 Exemplare, zwei vor dem Umzug 1913, zwei danach.

[13] Die CMS wurde 1799 gegründet und ist heute noch aktiv. Sie verfügte ab den 1870er Jahren über einen eigenen Bilderdienst (loan department).

[14] Romano Guardini, Religionsphilosoph und Theologe (1885-1968), hier zitiert nach Hergenröder 1996, S. 5.